{"id":94,"date":"2020-06-09T21:41:04","date_gmt":"2020-06-09T21:41:04","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.weltrundfahrt.de\/?p=94"},"modified":"2020-06-11T15:46:50","modified_gmt":"2020-06-11T15:46:50","slug":"die-planung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.weltrundfahrt.de\/?p=94","title":{"rendered":"Die Planung"},"content":{"rendered":"\n<p><em>von Reike<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann, als unser Fernweh l\u00e4ngst immer dr\u00e4ngender geworden war, fassten wir den Beschluss: Wir w\u00fcrden reisen. Jetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man irgendwann auf dem Sterbebett liegt, woran wird man wohl denken? Ein sehr abstrakter Gedanke, in der Mitte seines Lebens stehend. An die Liebe, die man gegeben und empfangen hat? An die Leben, die man gezeugt und ber\u00fchrt hat? An die Reisen, die man unternommen hat? Eines aber wird die Gedanken des Sterbenden wohl nicht erf\u00fcllen &#8211; der R\u00fcckblick auf die x-te \u00dcberstunde, das x-te Meeting, die x-te Gehaltserh\u00f6hung.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Gesellschaft hat eine recht klare Vorstellung davon, wie ein Leben zu leben ist. Geburt &#8211; Schule &#8211; Ausbildung oder Studium &#8211; Arbeit &#8211; Rente (wenn man Gl\u00fcck hat) &#8211; Tod. Mehrere Arbeitgeberwechsel w\u00e4hrend eines Berufslebens waren vor wenigen Jahrzehnten noch ein Makel, heute sind sie Notwendigkeit. Unterbrechungen in den einzelnen Berufsstationen sind heute noch vergleichbare Makel. In wenigen Jahren aber werden sie normal sein. Warum? Da die stetig steigende Technisierung, und die zunehmende Ver\u00e4nderungsgeschwindkeit in der globalen Gesellschaft mit ihren Anforderungen an die Leistungsf\u00e4higkeit des einzelnen noch keine Antwort darauf gefunden hat, wie ein Mensch bei alledem Mensch bleibt, muss er gelegentlich ausbrechen. Unfreiwillig (Burn-out etc.) oder freiwillig. Der freiwillige, gelegentliche Ausbruch ben\u00f6tigt aber ein Bewusstsein dar\u00fcber, was mit einem geschieht. Und den m\u00fcndigen Gestaltungswillen \u00fcber das eigene Leben. Zur Not auch entgegen dem gesamtgesellschaftlichen Konsens. In meinem B\u00fcro habe ich ein Spruch-K\u00e4rtchen h\u00e4ngen, auf dem steht: &#8222;&#8220;Und hier, die L\u00fccke in Ihrem Lebenslauf?&#8220; &#8222;Ja, war geil!&#8220;&#8220;. Immerhin bin ich unter anderem f\u00fcr Einstellungen unserer Firma zust\u00e4ndig, womit das K\u00e4rtchen schon f\u00fcr den ein oder anderen Schmunzler gesorgt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Neulich hat ein guter Freund dieses Buchzitat mit mir geteilt:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Je gewaltiger und sprunghafter die Entwicklung der Technik fortschreitet, je mehr sie unser Leben beherrscht, ohne dass wir sie heute schon mit innerer Ausgeglichenheit zu meistern verstehen, desto st\u00e4rker ist bei vielen Menschen die Sehnsucht, wieder den gro\u00dfen Rhythmus der Natur zu sp\u00fcren. Je mehr der Mensch vorw\u00e4rts strebt und sich dabei oft in tragische Konflikte verwickelt, desto gr\u00f6\u00dfer wird der Kontras zu den anderen Gesch\u00f6pfen, deren Leben heute genauso wie vor tausenden von Jahren im Fluss der Zeit abl\u00e4uft. [..] Drau\u00dfen unter dem freien Himmel, im Rauschen des Waldes, gleitet Hast und Unruhe von ihnen ab.&#8220; <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Horst_Siewert_(Tierfotograf)\">Horst Siewert<\/a>, 1937<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr uns war in jedem Fall klar, dass es mit einem l\u00e4ngeren Aufenthalt in der Schorfheide nicht getan w\u00e4re. M\u00f6glichst weit weg wollten wir, vor allem gef\u00fchlt. Mikronesien zum Beispiel stand auf unserer Liste potentieller Kandidaten, genauso wie Kanada, Mongolei und Neukaledonien. Auf den ersten Blick allesamt sehr verschieden. Auf unsere Bed\u00fcrfnisse bezogen jedoch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Also machten wir N\u00e4gel mit K\u00f6pfen und k\u00fcndigten auf Arbeit eine dreimonatige Auszeit an. In der Schule beantragten wir die zeitweise Schulbefreiung f\u00fcr unsere Jungs &#8211; drei Wochen vor den gro\u00dfen Sommerferien, eine danach &#8211; die uns auch bewilligt wurde. Alles sah gut aus und nahm langsam Form an. Wie aufregend.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann kam Corona.<\/p>\n\n\n\n<p>Corona erfasste auf die eine oder andere Weise so viele L\u00e4nder und Menschen, wie kaum ein Ereignis je zuvor. Corona, beziehungsweise COVID-19, war nicht der erste Erregerausbruch, der sich zu einer Pandemie erwuchs. Aber es war die erste Pandemie mit den Gegebenheiten von heute. Der internationalen Durchl\u00e4ssigkeit wissenschaftlicher Ergebnisse. Der globalen Verbreitungsgeschwindkeit von Sachinformationen und Meinungsmachern \u00fcber soziale Medien. Der massenhaften internationalen Reiseaufkommen. Der philanthropischen Superreichen. L\u00e4nder standen pl\u00f6tzlich im Wettstreit miteinander um die effektivste Eind\u00e4mmungsstrategie und unter enormem innenpolitischen Druck, im Vergleich zu anderen L\u00e4ndern nichts falsch zu machen. Arbeitgeber standen im Wettbewerb um die gr\u00f6\u00dfte Mitarbeiterf\u00fcrsorge. Ausgangssperren schienen das Mittel erster Wahl f\u00fcr die meisten L\u00e4nder, halfen ein rasantes Ausbreiten des Virus einzud\u00e4mmen, unterzogen aber auch viele soziale Beziehungen einem enormen Stresstest. Ganze Industriezweige kollabierten \u00fcbergangsweise. Die Welt \u00fcbte, lernte erstmals, unter den neuen Gegebenheiten mit einer Pandemie zurecht zu kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr uns als Familie bedeutete die Corona-Krise neben den Sorgen um unsere Liebsten auch, dass sich unser Leben einmal 180 Grad auf den Kopf stellte. W\u00e4hrend ich nach wie vor mit dem Wiederaufbau meiner Firma besch\u00e4ftigt war, brachen die Ums\u00e4tze um 80% ein. Bei Anne nahmen am BER die ohnehin straffen Vorbereitungen zur Er\u00f6ffnung des Flughafens unverhofft nochmals deutlich Fahrt auf. Denn trotz Kurzarbeit vieler ihrer Kollegen (das Flugaufkommen war auf 1% der \u00fcblichen Menge implodiert), Homeoffice etc. war ein nochmaliges Verschieben der BER-Er\u00f6ffnung schon rein politisch ein undenkbares Szenario &#8211; Corona hin oder her. Und Anne somit hart am Anschlag Ihrer Kapazit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Anne also, ihre letzten Projekte Richtung Zielgerade schiebend, und ich, meine Firma durch die Corona-Krise navigierend, alles aus dem Homeoffice versteht sich, hatten pl\u00f6tzlich 2 schulpflichtige Kinder unterschiedlicher Klassenstufen um uns, die ebenfalls straff mit jeweils 4 Stunden am Tag beschult werden sollten, plus Mittagkochen etc. pp. Und dann diese bl\u00f6den kurzen 24-Stunden-Tage. Ausnahmezustand.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erinnere mich an eine Situation, in der ich in einer Telefonkonferenz war mit den beiden Gesch\u00e4ftsf\u00fchrern eines potentiellen Kunden, dessen Banker und dem hohen Manager eines Partnerunternehmens. Um mich herum alberten pl\u00f6tzlich unsere Kinder &#8211; Hausschule war just fertig. Anne hatte gerade das &#8222;B\u00fcro&#8220; (aka unser Schlafzimmer, den heiligen Gral unserer Homeoffice-Zeit) belegt, denn ich war bereits zuvor mit diesem Privileg begl\u00fcckt gewesen. Also musste ich am K\u00fcchentisch arbeiten. Als dann noch Spongebob-Schwammkopf laut aus dem Fernseher tr\u00f6tete, und ich kein Wort meiner Konferenzteilnehmer mehr verstand, blieb mir nur die spontane Flucht aus der K\u00fcche raus auf die Terrasse. Wir brauchten diesen Auftrag, dringend. Bei dem Raumwechsel durch die dicken Meterw\u00e4nde unseres Altbaus, mitten in der Vertragsverhandlung, verlor mein Handy den Empfang. So stand ich da auf der Terrasse, in Socken, es waren 12 Grad und es hatte frisch geregnet. Mein nutzloses Telefon hielt ich noch immer in der Hand, Wiedereinwahl klappte nicht. Da kam eine liebe Nachbarin vorbei und fing an zu plaudern. Ob das mit Corona nicht alles unglaublich sei. Und dass sie sich schon zu Tode langweilten. Sie h\u00e4tten den Gartenzaun schon ein zweites Mal gestrichen, langsam gingen ihnen die Ideen aus. Wie gut die Coronazeit ihnen t\u00e4te, die ganze Entschleunigung und so. Und wie es uns denn eigentlich so ginge. Mein Auge zuckte kurz. Dann ging ich wieder rein. Eine Antwort blieb ich ihr schuldig.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend also Deutschland gespalten wurde zwischen Burnout und Boreout, machten zusehends die L\u00e4ndergrenzen dicht. Doch trotz allem, und ein bisschen vielleicht auch gerade wegen alledem, hielten Anne und ich an unseren Reisepl\u00e4nen fest. Nur das Ziel mussten wir nun anpassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wohin also, wenn mehr und mehr L\u00e4nder, gerade Transitl\u00e4nder, aus Selbstschutz die Einreise verweigerten? Fernreisen fielen weg. Und das war ein herber Schlag. Die Informationslage war vielleicht nicht chaotisch, aber doch dynamisch, gelinde gesagt. Nichts war sicher, nichts war planbar. Wir alle lernten ja gerade erst auch, was die Folgen der Pandemie f\u00fcr uns alle bedeuten w\u00fcrden, w\u00e4hrend sie passierten. F\u00fcr Reiseplanungen allemal erschwerte Bedingungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann ein Lichtblick. Schweden, der Punk unter den europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, machte alles anders als die anderen. Schwedens Grenzen waren offen, die Einreise m\u00f6glich. Als wir dies realisierten, sprang unser Fokus sofort um. Gut, es war nicht S\u00fcdsee. Aber wie mir jemand sagte fing es auch mit S an. Naja, immerhin. Und so schlecht war der Gedanke doch gar nicht. Wenigstens Ausland. Andere Sprache. Hat Schweden eigentlich Euro? Neh, hat Schweden nicht. Super, auch andere W\u00e4hrung. Dann halt Schweden!<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Feststehen des neuen Ziels, war der Rest relativ einfach. Arbeit und Schule wussten ja bereits Bescheid. Nun mussten Anne und ich nur noch ToDo-Listen f\u00fcllen und diese abarbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr das Management unserer ToDos nutzen wir <a href=\"https:\/\/trello.com\/de\">Trello<\/a>, weil es so sch\u00f6n einfach und \u00fcbersichtlich ist, und man super zusammenarbeiten kann. Aufgabenk\u00e4rtchen f\u00fcr unsere echten Aufgaben (Familienzelt kaufen, Regenkleidung erneuern, F\u00e4hre buchen etc.) und f\u00fcr unsere noch offenen Fragen erhielten uns den notwendigen \u00dcberblick. Eine Unterkunft f\u00fcr die ersten zwei N\u00e4chte wollten wir uns buchen, den Rest dem Zufall \u00fcberlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und das mit den Vorbereitungen klappte auch wunderbar. H\u00e4kchen um H\u00e4kchen wurden gesetzt. Unser aller Vorfreude wuchs uns wuchs. Sie gab uns die n\u00f6tige Kraft, die Mehrfachbelastungen zu meistern. Der 31.05.2020 sollte in klassischer Projektplanungsmanier unseren offiziell letzten Arbeitstag markieren (was bei mir nicht ganz so strikt klappen w\u00fcrde, aber dazu sp\u00e4ter mehr). Gerade rechtzeitig \u00f6ffnete der Decathlon am Alexanderplatz wieder seine gesamte Verkaufsfl\u00e4che, sodass wir die letzten Outdoor-Ausr\u00fcstungsteile shoppen konnten. Es waren nur noch wenige Tage bis es endlich hie\u00df: Packen f\u00fcr 10 Wochen Schweden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Reike Irgendwann, als unser Fernweh l\u00e4ngst immer dr\u00e4ngender geworden war, fassten wir den Beschluss: Wir w\u00fcrden reisen. Jetzt. Wenn man irgendwann auf dem Sterbebett liegt, woran wird man wohl denken? Ein sehr abstrakter Gedanke, in der Mitte seines Lebens stehend. An die Liebe, die man gegeben und empfangen hat? 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